Meinung

Lehren aus dem Freiwilligensurvey

Erschienen in: Newsletter für Engagement und Partizipation in Deutschland (10/2016)


Die Ergebnisse des neuen Freiwilligensurvey sind ein Grund zur Freude und gleichzeitig Ansporn für mich als Politikerin. Dass sich immer mehr Menschen engagieren, macht unsere Gesellschaft und unsere Demokratie stark. Und wie wertvoll eine starke Zivilgesellschaft ist, hat uns in den letzten Monaten das überwältigende Engagement in der Flüchtlingshilfe tagtäglich vor Augen geführt.

Seit 1999 wurde nun zum vierten Mal untersucht, wie, warum, wo und womit sich Menschen freiwillig engagieren. Das wichtigste Ergebnis: Es sind viele und es werden immer mehr. In den letzten 15 Jahren ist die Engagementquote um 10 Prozent gestiegen. Knapp 40 Millionen Menschen engagieren sich. Das ist überwältigend.

Der Freiwilligensurvey zeigt aber auch, dass wir noch einen großen Schatz zu heben haben. Die Hälfte derjenigen, die sich heute noch nicht engagieren, kann es sich für die Zukunft vorstellen. Das ist ein wichtiges Zeichen. Und die Menschen sagen auch, was sie sich zur Unterstützung des Engagements wünschen: Es braucht mehr Informations- und Beratungsmöglichkeiten. Um mehr Menschen für den ersten Schritt zu motivieren, fordern wir Grüne klare AnsprechpartnerInnen in den Kommunen. Der Bund sollte hierbei mit einer Öffentlichkeitskampagne und einem Programm zur Stärkung des professionellen Freiwilligenmanagements und der Engagementkoordination vor Ort unterstützen. Dass Engagementbörsen oder Freiwilligenagenturen immer wichtiger werden, ist auch ein Ergebnis des Freiwilligensurveys. Während 1999 nur jeder Dreißigste über Beratung den Weg ins Engagement fand, ist es in- zwischen jeder Zehnte.

41 Prozent wünschen sich mehr Weiterbildung

Engagement stärkt, bildet und qualifiziert – das gilt für alle Menschen, die sich engagieren. Und es macht erwiesenermaßen auch zufriedener, denn man hat eine Aufgabe, kann anderen helfen und erlebt Gemeinschaft und Dank. Engagement führt zu Empowerment, sich für gesellschaftliche Angelegenheiten stark zu machen und stärkt gleichzeitig die eigene Person.

Die (Weiter-)Qualifikation – entweder durch andere Freiwillige oder auch durch hauptamtlich Tätige – ist eine wichtige Voraussetzung für die persönliche Entwicklung. Damit Stärkung und Befähigung gelingen, braucht es eine qualifizierte Begleitung. Besonders wichtig ist dies, wenn sich das Engagement an Menschen richtet und dabei Abhängigkeiten oder Machtgefälle bestehen, etwa in der Pflege oder beim Umgang mit Kindern. Engagement sollte nicht überfordern oder frustrieren – weder die Engagierten noch das Gegenüber. Beispielhaft ist für uns die Unterstützung der Freiwilligen und Ehrenamtlichen bei ihrem Engagement in der Sterbebegleitung im Rahmen der Hospizarbeit. Wir Grüne unterstützen deshalb den Wunsch vieler Engagierter nach Weiterbildung sehr und fordern deshalb in den Haushaltsberatungen den Bund auch immer wieder auf, Geld für Beratung, Begleitung und Fortbildung der Enga- gierten bereitzustellen.

Engagement je nach Bildungsgrad und finanzieller Situation sehr unterschiedlich ausgeprägt

Je höher Menschen gebildet sind und je mehr sie verdienen, umso eher engagieren sie sich auch. Personen die ihre finanzielle Lage als sehr gut bezeichnen, engagieren sich fast doppelt so häufig wie diejenigen, die ihre finanzielle Lage als sehr schlecht bezeichnen. Diese Ergebnisse des Freiwilligensurveys geben der Politik einen klaren Handlungsauftrag. Wir können uns nicht damit zufrieden geben, dass diejenigen, die sowieso schon geringere Chancen haben, nicht den Weg ins Engagement finden und damit nicht an sportlichen, kulturellen oder politischen Mitmach-Angeboten teilhaben können. Hier müssen wir Menschen gezielt ansprechen, sie zum Engagement ermutigen. Und je früher, desto besser. So wie sich unser aller Leben immer wieder ändert, Haken schlägt oder im ruhigen Fahrwasser läuft, so ändern sich auch der Wunsch und die Möglichkeit, unsere Zeit, unser Geld, unsere Fähigkeiten und Stärken in die Gesellschaft einzubringen. Aber eine Regel gilt grundsätzlich: Wer sich früh engagiert, ist meist auch später im Leben aktiv. Was sie als Klassensprecherin oder im Jugendverband gelernt und erfahren haben, bringen die meisten, auch im Rentenalter, noch gerne und engagiert ein. Und der Freiwilligensurvey zeigt, dass die Vorzeichen gut sind: Gerade auch bei den Schülerinnen und Schülern steigt das Engagement.

Es ist mir wichtig, Kindern und Jugendlichen die Chance zu geben, ihr Umfeld mitzugestalten, aktiv zu werden und zu erfahren, dass das eigene Handeln wirkt und Spaß macht. Demokratie und Engagement müssen gelebt um gelernt und gelernt um gelebt zu werden. Kindertagesstätten und Schulen können Orte sein, wo unabhängig von Herkunft, Beeinträchtigung und ökonomischen Möglichkeiten der Eltern erfahren wird, dass Helfen nützlich und befriedigend ist und Aufgaben gemeinsam bewältigt werden können. Dabei können eigene Fähig- keiten entdeckt werden, für die in der Schule keine Noten vorgesehen sind.

Frauen immer deutlich unterrepräsentiert in Leitungs- und Vorstandfunktionen

In den letzten Jahren haben die Frauen ordentlich aufgeholt beim Engagement. Inzwischen engagieren sich nahezu genauso viele Frauen wie Männer, aber sie tun es leider nach wie vor mehrheitlich entlang traditioneller Geschlechterrollen. Das wirkt sich auf Bereiche, Funktionen und den zeitlichem Umfang aus. Frauen sind sehr viel seltener in Leitungs- und Vorstandsfunktionen zu finden. Männer tendieren häufiger zu Sport und Bewegung, Frauen zu Tätigkeiten im Zusammenhang der unbezahlten individuellen Familien- und Hausarbeit, vor allem im Kindergarten und in der Schule. Damit Frauen und Männer gleichermaßen Zugang und Zeit für Engagement haben, müssen Familie, Beruf, Bildung und Engagement besser vereinbar sein. Es ist mir deshalb ein großes Anliegen, zeitpolitische und geschlechtergerechte Lösungen zu finden. Dazu gehört eine Kultur, die Engagement von Frauen und Männern gleich wertschätzt: Ein Schulfest zu organisieren, ist für unsere Gesellschaft ebenso wichtig wie der ehrenamtliche Vorstandsposten in einem Verein oder die Betreuung eines Amnesty- Standes am Samstagmittag in der Fußgängerzone. Ich möchte, dass alle – unabhängig von sozialer Lage, Beeinträchtigung oder kulturellem Hintergrund – die Möglichkeit haben, Leitungsfunktionen zu übernehmen. Wir brauchen eine konsequente Frauenförderung für Leitungsfunktionen in bürgerschaftlichen Organisationen.

Engagement ist Kennzeichen gelingender Integration

Und schließlich möchte ich zum Schluss noch auf einen Befund hinweisen, der mich besonders gefreut hat: Engagement ist ein Kennzeichen gelingender Integration. Ob sich Men- schen mit Migrationshintergrund engagieren, ist abhängig von der Dauer, die sie hier leben und von dem Status der Einbürgerung. Die Engagementquote kann gewissermaßen auch als Integrationsbarometer gelesen werden. Haben Menschen mit Migrationshintergrund die deutsche Staatsbürgerschaft, engagieren sie sich deutlich mehr, als ohne deutsche Staatsbürgerschaft. Wer engagiert ist, fühlt sich als Teil der Gesellschaft. Das unterstützt mich in meinem Wunsch und meinem Appell an die Bundesregierung, die Förderung des bürgerschaftlichen Engagements für, aber vor allem auch von zu uns geflüchteten Menschen in das anstehende Integrationsgesetz aufzunehmen.