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Aufgeregte Debatte um Infektionskrankheiten – doch ein bisschen Besonnenheit täte gut

Es gibt Themen, die in der öffentlichen Debatte nur eine Richtung kennen: schwarz oder weiß. Impfen ist ein gutes Beispiel dafür. Ich bin der Meinung, ein unaufgeregter Blick auf die Vielschichtigkeit und Details machen ein effektives Handeln zur Erreichung höchstmöglicher Impfquoten erst möglich. Augenblicklich aber sind die Fronten klar abgesteckt:

Da scheint es diejenigen zu geben, die über keinen ausreichenden Impfschutz verfügen und damit ideologisch motivierte Impfgegner sein müssen. Und diejenigen, die sich für möglichst hohe Impfquoten aussprechen und deshalb zwangsläufig für eine Impfpflicht sein müssen.

Beide Schlussfolgerungen sind jedoch falsch. Mit einer Impfquote von über 97% bei der ersten Masern-Impfung werden fast alle Kinder erreicht. Bei der zweiten sind es jedoch nur noch etwa 93%. Und bei Erwachsenen zwischen 30 und 50 Jahren sinkt die Quote sogar unter 50%. Eine generelle Ablehnung gegenüber Impfungen ist in diesem Gefälle nicht zu erkennen. Tatsächliche Impfgegner sind laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ohnehin nur etwa 2 bis 5% der Bevölkerung. Es muss also andere Gründe geben, die dazu führen, dass Menschen sich nicht impfen lassen. Auch gibt es Gründe, die gegen eine Pflicht zur Impfung sprechen. Das betont das Robert-Koch-Institut (RKI), ebenso wie die Ständige Impfkommission (STIKO), die beide vor möglicherweise sogar negativen Effekten warnen. Auch die Ethikkommission hat kürzlich ihre Bedenken geäußert.

Denn eine Masern-Impfpflicht hört sich zunächst einfach und logisch an – wäre da nicht die Tatsache, dass Masern gar nicht isoliert, sondern nur in Kombinationsimpfstoffen verfügbar sind. Und gäbe es nicht Menschen, die aufgrund ihres Alters oder einer Erkrankung nicht geimpft werden dürfen, für die also Ausnahmen formuliert werden müssten. Die knapp ein Dutzend anderen von der STIKO im Kindesalter empfohlenen Impfungen würden vielen weniger wichtig erscheinen. Und schlussendlich könnte eine Pflicht das Vertrauen in die Sinnhaftigkeit eher schwächen. Alles Probleme, denen man sich stellen muss, bevor man eine solche Pflicht fordert.

Mit anderen Worten: Beim Thema Impfen ist nicht alles so einfach, wie es auf den ersten Blick erscheint.

Glücklicherweise haben wir in Deutschland ein sehr gutes Infektionsschutzgesetz mit klaren Zuständigkeiten in Bund, Ländern und Kommunen. Auf jeder Ebene brauchen wir starke und unabhängige Institutionen, die auch im Falle einer Epidemie von allen Seiten respektiert werden und deren Anweisungen gefolgt werden sollte. Auf der Bundesebene hat diese Funktion das Robert-Koch-Institut (RKI) und die Ständige Impfkommission (STIKO). Auf der kommunalen Ebene ist das der Öffentliche Gesundheitsdienst, also das Gesundheitsamt.

Dank des RKI wissen wir recht gut bis in unsere Städte und Landkreise hinein, wie sich bestimmte Infektionskrankheiten entwickeln. Gerade bei Masern sehen wir erhebliche regionale Unterschiede mit einer Vielzahl von regionalen Ursachen. Daher müssen unter anderem folgende Fragen geklärt werden: Wie kommt es zu den unterschiedlichen Quoten bei der ersten und zweiten Masernimpfung? Fehlt es an Kinderärzten in der Region? Ist das Gesundheitsamt unterfinanziert? Weshalb ist die Impfquote bei Erwachsenen teilweise desaströs niedrig? Wieso werden Eltern nicht bereits bundesweit von Kinderärzten mitgeimpft, wenn sie ihren Nachwuchs zu den U-Untersuchungen in die Praxis bringen?  Wie steht es um die betriebliche Gesundheitsvorsorge auch ohne eigenen Betriebsarzt? Wie gehen wir am besten mit regionaler Häufung von religiösen oder weltanschaulichen Bevölkerungsgruppen um, die dem Impfen kritisch gegenüberstehen? Und wie kann die Qualität von Kampagnen zur Aufklärung verbessert werden – sei es durch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung für die gesamte Bevölkerung oder zielgenau durch Gesundheitsämter vor Ort?

Wenn wir einen optimalen Impfschutz haben wollen, müssen wir also endlich dort ansetzen, wo die Probleme liegen, und nicht bei dem, was sich vermeintlich am einfachsten anhört.

Eines ist jedoch glasklar: Erinnern schadet nicht. Der Impfpass sollte deshalb schleunigst digitalisiert und mit einer Erinnerungsfunktion ausgestattet werden. Ärzte sollten dabei unterstützt werden, den Impfstatus zu erfassen, und alle Versicherte informiert werden, sobald der Digitale Impfpass bereitsteht. So könnte vielleicht schon die nächste Europäische Impfwoche als Aufruf verstanden werden, kollektiv den Impfstatus zu prüfen und gegebenenfalls den Schutz wiederherzustellen.

 

Eine Sache finde ich persönlich in diesem Zusammenhang besonders verwerflich, nämlich beim Thema Infektionskrankheiten mit dem Zeigefinger auf vermeintlich verantwortliche Gruppen zu zeigen. Das hat eine schreckliche Tradition – und wird auch heute wieder selbst von im Bundestag vertreten Parteien versucht. Auch hier gilt: Nie wieder.