Meinung

Auswege vor dem drohenden Pflege-GAU: Der deutsche Ethikrat fordert zu recht die Verbesserung der Situation der Pflege in Krankenhäusern

Was eigentlich selbstverständlich sein sollte, fordert der Deutsche Ethikrat in einer aktuellen Stellungnahme nun explizit ein: Die Behandlung im Krankenhaus muss sich am Patientenwohl orientieren, nicht nur an ökonomischen Vorgaben, die langsam, aber sicher die normativen Leitbilder in der Krankenversorgung infrage stellen. Um die Patientenorientierung sicherzustellen, sind laut Einschätzung des Deutschen Ethikrates drei Kriterien für das Patientenwohl bestimmend: die selbstbestimmungsermöglichende Sorge für den Patienten, die gute Behandlungsqualität sowie Zugangs- und Verteilungsgerechtigkeit.

Um dies zu erreichen, hat der Deutsche Ethikrat nun 29 Empfehlungen zur Qualitätsverbesserung im Krankenhaus vorgelegt. Sie reichen von systemverbessernden und organisatorischen Faktoren, wie optimierte Weiter-, Fort- und Ausbildung des Personals, Ausweitung der Fallpauschalen auf vernachlässigte Zielgruppen wie Schwerbehinderte und Kinder, Verbesserung der kommunikativen und interkulturellen Kompetenz bis hin zu einer Forderung, die mir besonders wichtig erscheint. Der Ethikrat fordert nämlich, dass die Situation der Pflege im Krankenhaus nachhaltig verbessert wird und endlich die Situation des Pflegepersonals besondere Beachtung erfährt. Unter anderem sollen endlich Pflegepersonalschlüssel eingeführt werden, die sich an Stations- und Bereichsgrößen für Krankenhäuser messen und damit die Voraussetzungen für eine personale Kontinuität in der Pflege der Patienten schaffen.

Bereits im letzten Jahr hat die Deutsche Stiftung Patientenschutz auf das Missverhältnis zwischen Ärzten und Pflegekräften in Krankenhäusern in ganz Deutschland aufmerksam gemacht. So gab es in Hessen im Jahr 2013 landesweit rund 22.400 Pflegekräfte, und damit genauso viele wie 1991. Im gleichen Zeitraum stieg allerdings die Zahl der Ärzte um mehr als 55 Prozent. 1991 waren rund 6300 Medizinerinnen und Mediziner an hessischen Krankenhäusern beschäftigt, im Jahr 2013 lag die Zahl bereits bei 9800 (https://www.stiftung-patientenschutz.de/uploads/files/pdf/Statistik_Aerzte_Pflegende_Klinik_1991_2013_patientenschutz.pdf).

Hier wird deutlich, dass die Pflege über Jahre hindurch vernachlässigt wurde. Erst als sich das Problem nicht zuletzt wegen des demographischen Wandels nicht mehr ausblenden ließ, gab es zögerliche Maßnahmen, um die Situation zu verbessern. Leider sind dies bisher nur kleine Schritte, notwendig wären aber Standards, wie zum Beispiel der bereits oben erwähnte deutschlandweit verbindliche Personalschlüssel, um die Qualität der Pflege zu sichern. So könnte gute Pflege in allen Fachbereichen und auch in der Nacht sichergestellt werden.

Letztendlich wird die Marginalisierung der Pflege nur dann beendet, wenn es gelingt, ein klares berufliches Profil sowie eigenständige Qualitätsstandards zu definieren. Die Pflege ist eben nämlich kein Hilfsberuf für Ärzte, sondern mit der ganzheitlichen Patientenorientierung am Wohl und an der Verbesserung der Lebensqualität kranker und alter Menschen ausgerichtet.  Mit einer Pflegekammer, die – ähnlich wie für andere Berufe auch – die Besonderheit der Pflegeberufe definiert, können diese auch in der Öffentlichkeit und in Gesetzgebungsverfahren endlich explizit Berücksichtigung finden. Eine Win-Win-Situation für alle: für die Pflegenden, deren Beruf endlich die notwendige Aufwertung erfährt und für die Pflegebedürftigen, die zu Recht eine hochwertige Pflege erwarten.

Also, was spricht nun eigentlich gegen die Einführung einer Pflegekammer? Dass sich von Arbeitgeberseite die Begeisterung in Grenzen hält, lässt sich einfach erklären: Sie erwarten bei ausdefiniertem Berufsbild und mehr Selbstbewusstsein in der Pflege natürlich höhere Personalkosten. Warum aber die zuständige Gewerkschaft  seit Jahren gegen die Pflegekammer kämpft, ist angesichts des Auseinanderdriftens der Tarife von Pflege und Ärzten in Krankenhäusern nicht nachzuvollziehen.