Autorenpapier

Impulspapier: Digitalisierung als Chance für ältere und pflegebedürftige Menschen? Eine Frage der Gestaltung!

Papier der Abgeordneten:
Kordula Schulz-Asche
Anja Hajduk
Maria Klein-Schmeink
Dr. Kirsten Kappert-Gonther
Tabea Rößner
Dr. Danyal Bayaz

DIGITALISIERUNG ALS CHANCE: EINE FRAGE DER GESTALTUNG

Per Internet, Messengerdienste und Soziale Medien können ältere Menschen aus den eigenen vier Wändenheraus und in Kontakt mit anderen Menschen treten.Vernetzte Technologien sind in der Lage, Elektrogeräte zu verwalten, Stürze zu erkennen, im Ernstfall Notrufeabzusetzen und damit für mehr Sicherheit zu sorgen. Eine digitale, vernetzte und sichere Kommunikation von Patientendaten zwischen Arztpraxen, Apotheken, Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen kann Probleme bei der Medikation vermeiden und im Notfall sogar Leben retten. Assistenztechnologien und digitale Dokumentationssysteme können professionelle Pflegekräfte körperlich und zeitlich entlasten und den Beruf dadurch attraktiver machen. Die Digitalisierung aller Lebensbereiche schreitet voran und wirkt sich auch auf unser Leben im Alter aus. Sie schafft viele neue Perspektiven und Chancen – auch für die Pflege. Sie sorgt aber auch für Unsicherheit und viele Menschen stellen sich Fragen wie: „Übernehmen in Zukunft etwa Roboter die Pflege am Menschen und verschwimmen die Grenzen zwischen Mensch und Maschine? Ist nur so der Personal-notstand aufzufangen? Ist man künftig aus der Gesellschaft ausgeschlossen, wenn man nicht über einen Internetanschluss verfügt, kein Geld für ein Smartphone hat, damit nicht umgehen kann oder bestimmte Dienste nicht nutzen möchte? Was passiert mit all meinen hochsensiblen persönlichen Daten, wenn alles vernetzt ist?“ So lauten berechtigte Bedenken.

Stärker als in anderen Bereichen wird klar: gerade in Bezug auf alte Menschen und auf die Pflege wirft der Einsatz digitaler Technologien, insbesondere Künstlicher Intelligenz und Robotik, ethische Fragen auf. Was soll künftig der Mensch, was sollen „die Maschinen“ übernehmen? Wie kann der Tatsache Rechnung getragen werden, dass es sich bei älteren und auf Pflege angewiesenen Menschen um besonders schutzbedürftige Personen handeln kann? Wie bleiben ihre Bedürfnisse und Wünsche jederzeit Taktgeber für die Anwendung der Technik und die Verwendung ihrer Daten? Welche Facetten und Ausprägungen des Themas gibt es überhaupt zu bedenken?

WAS SIND UNSERE ZIELE?

Es ist wichtig, dass wir uns als Gesellschaft damit auseinandersetzen, wie sich die Digitalisierung auf das Leben im Alter und die Pflege auswirkt. Wir müssen uns darüber klar werden, wie und in welche Richtung wir die Entwicklung steuern wollen. Wohin wollen wir? Was sind für uns wünschenswerte Ziele, was sind absolute No-Gos? Diese Debatte wollen wir als grüne Bundestagsabgeordnete mit Schwerpunkten in den Bereichen Pflege, Alter, Gesundheit, Netzpolitik und Verbraucherschutz, führen.

DIGITALISIERUNG: IM DIENSTE VON MENSCH UND NATUR

Unser Grundsatz lautet, die neuen Technologien müssen im Dienste von Mensch und Natur stehen. Der Mensch steht für uns im Mittelpunkt, auch in der Alten- und Pflegepolitik. Ältere und alte Menschen sollen selbstbestimmt und mit guten Teilhabechancen leben können. Dies wirft eine Reihe von Fragen auf: Wie können digitale Technologien zu diesem Ziel beitragen? An welcher Stelle braucht es Regulierung oder Unterstützung, damit die Realität diesem Ziel nicht zuwiderläuft? Wie können sinnvolle Innovationen gefördert und breiter zugänglich gemacht werden? In der Pflege sind die pflegebedürftigen Menschen für uns der Dreh- und Angelpunkt. Was können digitale Lösungen dafür leisten, dass ihre Lebensqualität steigt und Pflegepersonen mehr Zeit für sie haben? Was muss getan werden, damit die Digitalisierung das professionelle Pflegepersonal und die Angehörigen unterstützt und entlastet?

Wichtig ist uns, dass die Beziehung von Mensch zu Mensch, die der Pflege zugrunde liegt, erhalten bleibt und gestärkt wird. Menschen haben das Recht, von Menschen gepflegt und betreut zu werden. Roboter dürfen keine Menschen ersetzen. Sie können aber bei bestimmten Tätigkeiten helfen und entlasten. Der direkte zwischenmenschliche Kontakt ist jedoch durch nichts zu ersetzen. Das gilt umso mehr bei der Pflege von Menschen, die beispielsweise an Demenz erkrankt sind. Damit dies gelingt, ist eine strukturierte Qualifizierung professionell Pflegender ausschlaggebend. Bei allem Technikeinsatz muss aus unserer Sicht immer auch berücksichtigt werden, wie er sich auf die Umwelt auswirkt, zum Beispiel im Hinblick auf Strom- oder Ressourcenverbrauch. Neue technische Möglichkeiten müssen dafür genutzt werden, um diese zu verringern.

1) Notwendig ist eine Strategie zur Digitalisierung im Gesundheits- und Pflegewesen zum Nutzen der Patientinnen und Patienten und der pflegebedürftigen Menschen. Diese Strategie muss an konkreten Zielen orientiert sein und mit klaren Maßnahmen, Prioritäten, Zeitplänen, Verantwortlichkeiten sowie Evaluationsplänen unterlegt sein.

2) Bund und Länder müssen einen Digitalpakt für die Digitalisierung in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen auflegen. Der Bedarf für notwendige IT-Investitionen liegt allein für die Krankenhäuser deutschlandweit bei mindestens zwei Milliarden Euro jährlich.

3) Wir fordern einen Innovationsfonds für die Pflege. Dieser soll digitale Innovationen für die Versorgung in der Pflege fördern. Dazu soll die Pflegeversicherung 40 Millionen Euro zu dem bestehenden Innovationsfonds der Krankenkassen beisteuern, damit dieser thematisch für den Versorgungsbereich der Pflege geöffnet werden kann. Neben diesen allgemeinen Aspekten gibt es eine Reihe von spezifischen Themen und Fragestellungen, die wir genauer betrachten wollen, um gezielte Maßnahmen zu entwickeln. Selbstbestimmt oder fremd kontrolliert? Mit neuen Technologien länger zu Hause leben Digitale „Smart-Home“-Technologien können ein selbstbestimmtes Leben im eigenen Zuhause ermöglichen. Vernetzte Geräte bieten jedoch auch Angriffspunkte: sei es in Bezug auf die verarbeiteten persönlichen Daten oder auf die Sicherheit zu Hause.

Unser Ziel ist, dass die Technik zum Nutzen der älteren und pflegebedürftigen Menschen zum Einsatz kommt, dass diese jederzeit die Kontrolle über die Anwendung der Technologien und die Verwendung ihrer Daten behalten. Ausschlaggebend dafür sind unter anderem zeitgemäße Regelungen für den Verbraucherschutz, für den Datenschutz und die Daten- und IT-Sicherheit, aber beispielsweise auch eine gezielte Vermittlung von digitalen Kompetenzen an ältere Menschen. Mehrarbeit oder mehr Zeit? Auswirkungen auf den Arbeitsalltag in der professionellen Pflege. Der Einsatz digitaler Systeme kann das professionelle Pflegepersonal entlasten und es in seiner Arbeit unterstützen. Die Technik kann aber auch zusätzlichen Stress bedeuten, etwa wenn sie nicht funktioniert, nicht fach- und sachgerecht eingeführt wurde oder viele zusätzliche Aufgaben mit sich bringt. Uns ist wichtig, dass neue Technologien die Arbeitsabläufe verbessern und für die Pflegekräfte erleichtern. Eine wichtige Voraussetzung dafür sind moderne und strukturierte Inhalte und Curricula in Aus-, Fort- und Weiterbildung, die auf die neuen Anforderungen im Alltag durch digitale Technologien angemessen vorbereiten. Eine entsprechende Ausstattung der Pflegeschulen ist ebenso notwendig
wie gezielte Unterstützung, Begleitung und Weiterbildung in der Berufspraxis. In meinem Sinne?

ETHISCHE FRAGEN ZUM EINSATZ VON NEUEN TECHNOLOGIEN

Je tiefer neue Technologien in das Leben und den Alltag älterer und pflegebedürftiger Menschen eingreifen, desto dringender stellen sich ethische Fragen. Die Notwendigkeit einer ethischen Befassung mit dem Thema wird umso offensichtlicher, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass der Kostendruck im Gesundheitswesen steigt und die Digitalisierung immer weiter voranschreitet. Zentrale Beurteilungskategorien in der Debatte sind die Menschenwürde, die Sicherstellung von Autonomie und das Wohlergehen älterer und pflegebedürftiger Menschen. Eine informierte und freie Entscheidung über den Einsatz von Technik ist für uns fundamental. Wir wollen, dass schon die Entwicklung neuer Technologien auf die Bedürfnisse älterer und pflegebedürftiger Menschen ausgerichtet ist und dass das Prinzip der Selbstbestimmung bei ihrem Einsatz eingehalten wird. Doch wir müssen uns auch mit altersspezifischen Umständen auseinandersetzen, etwa damit, dass kognitive Fähigkeiten, beispielsweise durch eine Demenzerkrankung, eingeschränkt sein können. Forschungs- und Entwicklungspraxis: Wie kommen alle an einen Tisch? Digitale Innovationen bergen große Chancen, das Leben im Alter oder den Alltag in der Pflege zu erleichtern und zu bereichern. Aber nicht alle Produkte, die entwickelt werden, passen auch wirklich zu den Bedürfnissen älterer Menschen: Die Tasten sind zu klein, das Display auch und die Anwendung ist zu kompliziert – von der Einrichtung des Geräts ganz zu schweigen. Auch für so manches Produkt in der Pflege gilt: „Ich bestelle einenStaubsauger und bekomme ein Raumschiff“. Die Entwicklung neuer Technologien wird zu oft nicht ausreichend auf die Bedürfnisse der Anwenderinnen und Anwender abgestimmt.

Wir finden: Das muss sich ändern. Dafür sind gemeinsame Experimentierräume oder Reallabore ebenso gefragt wie eine konsequente Ausrichtung der Forschungsförderung auf eine partizipative Forschung. Denn das beste Ergebnis kommt am Ende dann heraus, wenn alle Betroffenen beteiligt waren. Vom Prototyp zum Massenprodukt – Wie kommen Innovationen auf den Markt? Während in der Öffentlichkeit Vorstellungen kursieren, wonach Roboter künftig professionelles Pflegepersonal im direkten Kontakt mit pflegebedürftigen Menschen ersetzen könnten, ist in Pflege-Wirklichkeit noch nicht einmal die elektronische Dokumentation flächendeckend im Einsatz.

Auch viele ältere Menschen zu Hause haben noch nicht in dem Maße Zugang zu unterstützenden Technologien, wie manche sich das wünschen würden. Zentrale Stellschrauben sind die Zulassung digitaler Produkte auf dem Markt und ihre Erstattung durch Pflege- und Krankenkassen. Die Kriterien dafür sind teilweise veraltet und müssen angepasst werden. Insbesondere Medizinprodukte müssen gemeinsam mit Nutzerinnen und Nutzern entwickelt und pflegewissenschaftlich bewertet werden. Pflegeeinrichtungen müssen möglichst schnell und umfassend an die Telematikinfrastruktur angeschlossen werden, damit die Pflege künftig digital und vernetzt kommunizieren kann. Wir wollen die richtigen Weichen stellen, damit digitale Technik älteren und pflegebedürftigen Menschen zu ihrem Nutzen zur Verfügung steht. Angeschlossen oder abgehängt? Chancen für eine vernetzte Pflege Was bedeutet es für die professionelle Pflege, wenn sie künftig „vernetzt“ sein soll? Es können sich dadurch Chancen bieten für neue Verantwortungs – und Aufgabenbereiche, für eine bessere Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen im Gesundheitswesen oder auch über räumliche Distanzen hinweg. Dafür ist es unerlässlich, dass die Expertise und die Perspektive des professionellen Pflegepersonals und der Pflegewissenschaft bei der Gestaltung der Digitalisierung des Pflege- und Gesundheitswesens nicht nur angehört, sondern institutionell eingebunden ist, etwa in der gematik, also die Gesellschaft, die die Grundlagen und Standards der Telematikinfrastruktur festlegt. Ohne das Wissen von Pflegeexpertinnen und Experten wird sie ihre Aufgabe für die Pflege nicht erfolgreich wahrnehmen können.