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Nicht alles Gold was glänzt, aber immerhin schon Silber – Pflege im norwegischen Gesundheitswesen

Zum zweiten Mal in dieser Legislaturperiode fuhr der Gesundheitsausschuss des deutschen Bundestages ins europäische Ausland, um sich schwerpunktmäßig auch mit dem Thema Pflege zu befassen – da gibt es tatsächlich viel von unseren Nachbarn zu lernen. Nachdem ich im letzten Jahr in den Niederlanden mir das Buurtzorg-Modell genauer anschauen konnte, war diesmal vom 20.-23.Mai das Ziel Norwegen.
Vorneweg: Aus meinem beruflichen Umfeld kennt immer jemand eine Pflegefachkraft, die entweder in die Schweiz, nach Schweden oder eben nach Norwegen ausgewandert sind. Gleiches gilt ja auch für Ärztinnen und Ärzte. Und natürlich haben wir auch ebensolche in Norwegen getroffen. Ihr Fazit: Wir bereuen es nicht.

Eine angekündigte Krise?
Natürlich gibt es auch in Norwegen die Diskussion über notwendige Gesundheitsreformen. Die Grundstruktur ist aber weitgehend akzeptiert: Krankenhäuser unterstehen der Zentralregierung, Zahnärzte sind nach Gesundheitsregionen organisiert, die freiberufliche Primararztversorgung (Einschreibepflicht der Einwohner), die ambulante Langzeitpflege und Heime, Schulgesundheitspflege (sic!), Behindertenhilfe etc. sind direkt an die Gemeinden gebunden, die weitgehend autonom sind.
Probleme entstehen durch den demografischen Wandel (2030 werden 25% der Bevölkerung älter als 75 Jahre sein, vor allem auf dem Land) – man spricht von einer „angekündigten Krise“, die Inanspruchnahme von Leistungen und hohe Selbstbehalte der Patienten sowie lange Wartezeiten in den Krankenhäusern bei planbaren Behandlungen sowie in der Versorgung der Bevölkerung in unglaublich großen, weiten ländlichen Räumen – „lange Wege wie bis nach Rom“. Die Aufgaben sind zwei Ministerien (Gesundheit/ E-Health und Pflege, Altenpolitik) zugeteilt.

Pflege von morgen
Der Pflegeplan 2015-2020 „Pflege von morgen“ hat als Schwerpunkte: Erweiterung der kommunalen Handlungsfreiheit bei der Entwicklung von Themen, dem Management, der Einführung neuer Technologien und Organisationsformen; der Verbesserung der Kapazität und Qualität der Pflegedienste; Einführung des Rechts auf 24-Stunden-Pflege (in Vorbereitung); der Übernahme von mehr finanzieller Verantwortung durch den Staat (Qualität, gleichwertige Lebensverhältnisse, Bedürfnisse der Nutzer); Kompetenzsteigerung der Pflege und die Erstellung eines Demenzplans.
Pflegefachkräfte sind bei den Kommunen angestellt. Die Krankenpflege ist eine generalistische Ausbildung mit breiter Kompetenz für einen eigenständigen Einsatz in der Kommune; darüber hinaus gibt es Gesundheitsfacharbeiter (darunter auch Assistenzberufe). Der Masterabschluss Advanced Nursing setzt darauf auf.
Auch in Norwegen gibt es einen Fachkräftemangel in der Pflege – für 2035 erwartet man das Fehlen von 28.000 Vollzeit-Pflegefachkräften. Derzeit läuft eine Petition des Krankenpflegeverbandes mit dem Ziel, die Gehälter zu erhöhen, die Arbeitszeit auf mehr Vollzeit aufzustocken (derzeit arbeiten 50 Prozent in Teilzeit), die Fort- und Weiterbildung auszubauen und die Verbindung von Theorie und Praxis in der Ausbildung zu fördern.

Der Krankenpflegeverband als Vorbild
Überhaupt der Krankenpflegeverband – echt der Hammer! (Das Bild stammt aus der Imagekampagne.) 1912 gegründet, hat er zwei Aufgaben: Er ist Pflegegewerkschaft UND berufsständische Organisation (also wie eine berufsständige Kammer). Dementsprechend ist die Power dieser Organisation. 83% der Pflegefachkräfte sind hier organisiert, mit Vertrauensleuten auch auf lokaler Ebene. Die Strategie 2016-2019 war sehr erfolgreich. In Norwegen kommen 17,5 Pflegefachkräfte auf 1.000 Einwohner, in Deutschland sind es nur 12,9. (Norweger lieben die OECD Statistiken im Gesundheitsbereich, denn dort sind sie überall Spitze!) Aber es bleibt auch noch viel zu tun.
Ziel des Verbandes ist die Verbesserung der professionellen Standards und die Schaffung attraktiver Karrieremöglichkeiten durch bessere Ausbildung (auch für die Assistenzberufe) und höhere Kompetenzen für die Pflegefachkräfte: Übernahme komplexer Aufgaben, Ausweitung der Kompetenzen, Aufgabenverteilung (breites Wissen auf höherem Niveau und Spezialwissen für wachsende Versorgungsbedarfe).
Und jetzt steht der große Wurf auf der Tagesordnung: weitere Akademisierung, Aufgabendefinition mit Verantwortung, Autonomie, Delegation und Substitution. Motto: Patientensicherheit und Fachkompetenz sind entscheidend, nicht der Titel. Dazu strebt man ein gemeinsames Gesetz für Ärzte und Pflegefachkräfte an – um persönliche und Systemverantwortlichkeit auf Augenhöhe zu ermöglichen. (Übrigens kämpft der Verband auch für mehr Beteiligung und Kompetenzen für die Patientinnen und Patienten.) Und das ist an dieser Stelle nur ein kleiner Ausschnitt, um den Umfang dieses Blogs nicht zu sprengen.
Mein Fazit:
Die Pflegefachkräfte in Norwegen sind schon weit auf einem sehr guten Weg zu einem attraktiven Berufsfeld Pflege, davon können wir viel lernen. Was braucht man dafür in erster Linie? Eine starke Organisation, die gegenüber der Politik und anderen Berufsgruppen machtvoll auftreten kann, weil sie einen Großteil der Pflegekräfte als Mitglieder und damit eine starke Stimme hat – in Bezug auf die Bezahlung und Arbeitsbedingungen, vor allem aber auch für die Definition berufsständischer Kompetenzen und Aufgaben. In Deutschland fehlt leider beides.